Einheimisch

Ich erinnere mich noch genau daran. Unsere erste Aufgabe bestand darin ein Revier zu finden. Und einen Sitzplatz. Lerne dein Revier kennen. Welche Pflanzen und Tiere kennst du bereits? Wo befinden sich Wildwechsel, Wasserläufe, Vogelnester? Was kannst du sehen, riechen, fühlen, hören und wahrnehmen? Kehre regelmäßig zurück in dein Revier. Was erkennst du wieder? Was verändert sich? Was entdeckst du Neues von Mal zu Mal? - Werde einheimisch.

Ein kleiner Akt des Vertrautmachens

Da bin ich nun als Wildnispädagogin in Ausbildung in den nahegelegenen Müggelbergen von Berlin und lasse mich auf unsere erste Monatsaufgabe ein. Ich habe mir ein schönes Fleckchen Wald ausgeguckt. Der Boden geht auf und ab, die Flora ist recht abwechslungsreich und ich habe bereits einige Wildwechsel entdeckt. Kleine ausgetretene Pfade, die etwa Rehe oder Wildschweine benutzen, wenn sie sich durch den Wald bewegen. Die wollen sich nämlich auch nicht jedes Mal neu durchs Gestrüpp schlagen müssen - „mal zur Dämmerung herkommen“ notiere ich, in der Hoffnung auch einmal die Urheber dieser Pfade live und in Farbe erleben zu können, da diese meist zu dieser Tageszeit am aktivsten sind. Als Sitzplatz habe ich mir den Stamm einer großen Kiefer ausgesucht, an den ich mich bequem anlehne und von dem aus ich einen Großteil meines Reviers einsehen kann. Ich sitze hier an diesem schönen Spätsommernachmittag und schaue mir die erste Pflanze genauer an. Sie steht direkt vor meiner Nase und strahlt mir ihr schönes Gelborange entgegen. Gesehen habe ich sie schon oft in meinem Leben. Immerhin meinen Augen kommt sie bekannt vor. Meinen Fingern oder meiner Nase hingegen bisher noch nicht. Auch ihren Namen kenne ich nicht oder gar ihre Bedeutung für Mensch, Tier und Welt, ob sie vielleicht giftig, heilsam oder nahrhaft ist.

Meine Neugier ist geweckt, diesen Bewohner „meines“ Reviers kennenzulernen. Ich ertaste die dunkelgrünen farnartigen Blätter, den Stängel, den Blütenstand und schnuppere an den leuchtenden Blüten. Ich nehme Bleistift und Notizbuch zur Hand und zeichne eine grobe Skizze von dem was ich sehe und mache kurze knappe Stichpunkte zu dem, was ich als markant wahrnehme: „Stängel vielkantig, Blüten gelb, riecht ganz toll wenn man's verreibt, frisch, Citrus-Thymian“. Somit kann ich später zuhause sehr genau bestimmen, um welche Pflanze es sich handelt. Ich habe den Rainfarn vor mir. Eine Pflanze, die mir nun nie wieder als unbekannte Randerscheinung meinen Weg kreuzen wird. Ich sogar um ihre wirksame Verwendung in der Schädlingsbekämpfung weiß, sie trotz ihres Namens gar nicht zu den Farnen gehört und ich außerdem ihre Erscheinung, ihren Geruch und ihre Textur kenne.

Ich fühle mich erinnert an die Worte Konfuzius': „Sage es mir und ich vergesse es. Zeige es mir und ich werde mich vielleicht erinnern. Lass es mich tun und ich werde es behalten.“

Mit großer Sicherheit und Überzeugung kann ich behaupten, dass ich mein Leben lang nicht mehr vergessen werde, welche Pflanze der Rainfarn ist. Ich habe ihn mir vertraut(er) gemacht. Und alleine durch diesen kleinen Akt des Vertrautmachens fühle ich mich auch ein kleines Stück einheimischer. In meinem Revier. In diesem Wald. In Berlin. In Deutschland. In der Welt und Natur, in der ich mich befinde und lebe. Nun erkenne ich dieses Lebewesen auch am Straßenrand mitten in Berlin. Nun fühlt es sich nochmal anders an, wenn ich Menschen sehe, die nicht nur achtlos im Vorbeigehen eine Pflanze abreißen, sondern achtlos im Vorbeigehen den Rainfarn abreißen. Ich habe nun einen Bezug zu ihm. Er hat eine Geschichte. Er ist eine Pflanzenart von  mehr als 10.000 in Deutschland. Und schon dieser kleine Akt des Vertrautmachens stärkt die Verbundenheit, die ich zu meiner Umwelt empfinde. Diese Tatsache fasziniert mich.

Plädoyer für Erdenbewohner

Viele Jahre lang stöhnte ich innerlich auf, wenn mir jemand die Frage stellte „Und wo ist deine Heimat?“ Geboren und aufgewachsen bin ich im Märkischen Oderland, nahe der polnischen Grenze. Familiäre Wurzeln habe ich dort nicht, da meine Eltern, der jungen Familie zuliebe, von der Hauptstadt (dort ist die väterliche Familie beheimatet) aufs Land gezogen kamen. In meinem 16. Lebensjahr zogen wir dann um, an die Mecklenburger Ostseeküste (dort ist die mütterliche Familie beheimatet). Mit 18 habe ich dann nach meinem Abi ein ganzes Jahr lang in Kolumbien gelebt und bin anschließend zum Studieren nach Berlin gezogen. Hier lebe ich nun schon über 9 Jahre. Nach mittlerweile fünf Umzügen im sechsten Bezirk. Auch wenn ich kein wirklich großes Pendlerdasein führte in meinem bisherigen Leben, war es mir eine Müh' mich zu entscheiden, ob meine Heimat nun im Oderland, an der Ostsee oder in Berlin liegt. Richtig schwierig wurde es dann noch bei der Antwort, spürbar für mein Gegenüber, die authentische Heimatverbundenheit auszustrahlen.

Ich habe also lange den Begriff Heimat für mich in einen zwingenden Kontext von einem bestimmten Ort in Verbindung gesetzt. Im allgemeinen Sprachgebrauch ist das auch so geläufig. Wenn dann nun mehrere Orte zur Auswahl stehen, und man dem Gegenüber keinen Vortrag über die Kindheit und bisherige Lebensgeschichte erzählen möchte, kann man schon einmal in Konflikt mit sich selbst geraten. Dann gilt es noch für sich zu klären, ob ich jetzt eher Heimat als Ursprungsort ansehe oder einen Ort, an dem ich am längsten gewohnt habe oder mich am wohlsten fühle oder vielleicht noch eine ganz andere Definition finde. Eine einheitliche Erklärung zu dem Begriff Heimat lässt sich auch in der Gesellschaft nicht so einfach finden. Da wäre es doch am idealsten, wenn wir wirklich alle, wie es die Berliner Sängerin Dota Kehr in ihrem Song „Grenzen“ fordert, in unseren Pässen Erdenbewohner zu stehen hätten und damit wäre alles klar.

Mittlerweile kann ich die Frage für mich entspannter nehmen. Ich bin dort heimisch wo ich mich wohl fühle und wohin ich immer wieder gerne zurückkehre. Und sicherlich wohne ich nun schon lange in Berlin und fühle mich auch pudelwohl hier. Trotzdem gibt es dort noch die Ostsee und das Oderland und eben sogar noch einige andere Orte, die ich immer wieder gerne aufsuche und mir gut tun. Mich heimisch fühlen lassen.

Hier und da antworte ich jetzt auf diese Frage also, dass ich mehrere Heimaten habe. Und kann das nicht, wenn man mal die Verwirrungen und Beschränktheit eines engen Heimatbegriffs überwunden hat, eigentlich nur von Vorteil sein?

Beziehungen zwischen Mensch und Raum

Als ich im Lexikon den Begriff Heimat nachschlug, begegnete mir eine andere schöne Formulierung: „Der Begriff Heimat verweist zumeist auf eine Beziehung zwischen Mensch und Raum.“ Den Gedanken, eine Beziehung zu einem Raum haben zu können, finde ich beinahe tröstend. Genau wie Beziehungen von Mensch zu Mensch liebevoll, unterstützend und energiespendend sein können, ist das nun in meiner Wahrnehmung der Welt auch in Beziehungen zwischen Mensch und Raum möglich. Alleine der Anblick meines Wohnzimmers, die Aussicht von meinem Balkon auf die Bäume hinterm Haus oder die vertraute Architektur der Kastanienallee, wenn ich den Blick durch die Straße schweifen lasse, können etwa meine Stimmung positiv beeinflussen – wenn ich die Beziehung zu diesen Räumen positiv belege – und genau das tröstet mich, gibt mir Halt und erfreut mich.

Das Wort einheimisch kommt aus dem mittelhochdeutschen inheimisch, was „zu Hause anwesend“ bedeutete. Und gerade ein zu Hause kann doch auch für Schutz, Geborgenheit und Sicherheit stehen. Ein Raum, der mir Stabilität geben kann. Eine Basis schafft. Wo ich Ruhe und Kraft schöpfen kann. Von der aus ich hinaus in die Welt gehe und immer wieder heimkehre.

Je mehr ich mich dem Begriff Heimat öffnen kann, desto mehr kann ich auch in meine Heimat einlassen. Sodass ich sogar an mir bisher unbekannte Orte gelangen kann, an denen ich mich schnell heimisch fühle. Vielleicht sogar durch die simple Tatsache, dass ich dort Rainfarn wachsen sehe, darauf zu gehe, an ihm rieche, mich dadurch an die heimischen Müggelberge erinnere und meine Heimat in meinem Innern aufleben und entstehen lassen kann. Somit kann auch dieser neue Ort Teil meiner Heimat werden.

Ich sehe es als großen Gewinn für mich an, die Reichweite und den Begriff meiner Heimat immer mehr zu erweitern. Durch kleine Akte des Vertrautmachens. Mich mit dieser Pflanze vertraut machen. Mit den Vögeln, die jeden Tag vor meinem Balkon umherflitzen, tirilieren und Passanten beobachten. Mit den Nachbarn meines Plattenbaus. Mit den Straßennamen meines Viertels. Mit den praktischen und gemütlichen Lädchen im Bezirk und den Menschen, die diese voller Leidenschaft betreiben. Mit der Schönheit der ländlichen Umgebung. Mit der Vielfalt meines Landes. Mit der Komplexität und Exzellenz dieser Welt. Vielleicht werde ich dann irgendwann auf die Frage „Und wo ist deine Heimat?“ antworten: Bei mir, zu Hause in der Welt.

Kleine Akte des Vetrautmachens

Ich möchte dich einladen einheimischer zu werden mit diesen beispielhaften Impulsen:

Was brauchst du bei dir zuhause, um dich heimisch zu fühlen?

Überlege dir, welche Art von Einrichtung dir gut tut, welche räumliche Aufteilung, welches Licht, welche Klänge, Düfte, Farben oder Ordnungsgrade.

Was kann dich (noch) einheimischer in deiner Wohnumgebung fühlen lassen?

  • ein Erkundungsspaziergang durch die angrenzenden Straßen und Wege machen
  • den nächstgelegenen Baum vor meiner Haustür bestimmen und eine Eigenschaft/Information über ihn finden, die ich spannend finde und mir auf jeden Fall behalten werde
  • eine geführte Stadttour mitmachen, um Historisches, Markantes und Typisches über meine Stadt zu erfahren
  • mich mit der Nachbarschaft vernetzen durch bspw. Plattformen wie nebenan.de (dort bieten sich viele Möglichkeiten zur Unterstützung, Veranstaltungsangeboten, Tauschmärkten, Sportgruppen usw.)

Wie kannst du dich in deinem Körper und alleine mit dir heimisch fühlen?

  • mich immer wieder fragen Was tut mir gut?
  • mir explizite Körperzeit nehmen und geistfreie Zeit zulassen (Massagen, “Body-Scan”-Meditationen oder eine Bewegungsart, die mir gefällt, eignen sich sehr gut dafür)
  • meine Achtsamkeit pflegen und wachsen lassen; ein tolles Heft mit zahlreichen sofort anwendbaren Übungen ist "Das kleine Übungsheft - Achtsamkeit", ich besitze es selbst auch und kann es wärmstens empfehlen

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